Wie wirkt sich deine individuelle Bindungsneigung auf die Qualität deiner Beziehungen aus?

Ein Artikel aus dem Bereich Impffrei:Science – wissenschaftliche Betrachtungen

«Es ist eine der schönen Belohnungen dieses Lebens, dass niemand ernsthaft einem anderen Menschen zu helfen versuchen kann, ohne sich dabei selbst zu helfen.» (Charles Dudley Warner).

In den vorangehenden Artikeln der `Bindungsserie` (Bindung Teil-l & Bindung Teil-ll) wurde die Bedeutung der Bindung im Kindesalter sowie die unterschiedlichen Bindungstypen beschrieben. Im zweiten Teil wurde ausgeführt, wie sich die Bindungscharakteristik im Erwachsenenalter darstellt. Im vorliegenden Artikel werden die Auswirkungen der Bindungscharakteristik auf die Qualität der Bindungsbeziehungen dargestellt.

Seit den 90er Jahren wurde eine unüberschaubare und exponentiell steigende Zahl an Studien zu den Bindungstheorien veröffentlicht, was die Bedeutsamkeit der Thematik unterstreichen sollte. Eines der Hauptprobleme, was bei der Einordnung dieser Erkenntnisse jedoch beachtet werden sollte ist, dass das Bindungsverhalten in den meisten Studien im Wesentlichen über zwei grundsätzlich unterschiedliche Verfahren ermittelt wurde. Zum einen Interviewmethoden, welche das (rekonstruierte) Bindungsverhalten zu den eigenen Eltern in der Kindheit abbilden, oder Bindungsfragebögen, welche sich auf vergangene oder aktuelle Paarbeziehungen beschränken. Interviewmethoden bilden eine Fremdbeurteilung Dritter ab, wobei die Fragebögen auf Selbstauskunft ermittelten Informationen basieren. Beide Verfahren liefern wertvolle Informationen, messen aber unterschiedliche Aspekte der Bindung und sind schwer vergleichbar. Trotzdem beziehen sich alle auf dieselbe `Bindungstheorie`, welche im Wesentlichen auf John Bowlby und Mary Ainsworth zurückzuführen sind und im ersten Artikel erläutert wurden.

Basierend auf einer Meta-Analyse über 63 Primär-Studien, [1] mit den oben ausgeführten unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen, werden nachfolgend die wichtigsten Beobachtungen zu verschiedenen Beziehungsqualitäten erläutert, welche sich im individuellen Ausdruck sowie der Kombination verschiedener Bindungstypen darstellen lassen.

«Ängstlich-ambivalent gebundene Frauen neigen nach einer Trennung in besonderem Masse dazu, sich mit einem missbrauchenden Partner emotional oder sexuell erneut einzulassen.»

Beziehungsstabilität und Bindung

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sicher gebundene Menschen eher in Paarbeziehungen leben als unsicher gebundene – wobei unsicher-vermeidend gebundene Menschen am seltensten in Beziehungen anzutreffen sind. Teilweise sind die Resultate jedoch nicht konsistent oder zeigen negative Effekte für unsichere Bindungen. Eine Studie konnte sogar belegen, dass vermeidend gebundene Männer und ängstlich-ambivalent gebundene Frauen die stabilsten Beziehungen führen und ängstliche Männer und vermeidende Frauen die instabilsten Beziehungen hatten. [2] Diese Beobachtung ist auch durchaus plausibel, bedenkt man, dass bindungsvermeidende Männer und ängstliche Frauen durch ihr Verhalten gesellschaftlich akzeptierte Rollenmodelle und Normen bedienen.

Ängstlich-ambivalent gebundene Frauen neigen nach einer Trennung in besonderem Masse dazu, sich mit einem missbrauchenden Partner emotional oder sexuell erneut einzulassen.[3] Bindungsvermeidende Menschen scheinen weniger unter einer Trennung zu leiden wobei Menschen mit einer ängstlichen oder abhängigen Bindungshaltung, Liebe als eine obsessiv vereinnahmende und das eigene Leben dominierende Emotion erleben. Entspricht das nicht auch dem romantischen Ideal der `Massenunterhaltung` (Film, Fernsehen und Literatur), welches sich hier auszudrücken scheint?

Beziehungszufriedenheit und Bindung

Sicher gebundene Menschen mit geringer Bindungsangst, grossem Intimitäts- und ausgeprägtem Autonomiebedürfnis, verglichen mit unsicher gebundenen Menschen, beschreiben eine höhere Beziehungszufriedenheit sowie mehr wechselseitige Abhängigkeit, Hingabe und Zuwendung an ihren Partner. Sie zeigen eine positivere Einstellung zum sozialen Netzwerk ihres Partners, weniger Eifersucht (jedoch mehr Wut in Eifersuchtssituationen) und ein stabileres Vertrauen sowie weniger Trauer und Depression. Der Zusammenhang von Bindung und Beziehungsproblemen war insbesondere in jungen und kurz andauernden Beziehungen zu beobachten.

«Sicher gebundene Menschen - insbesondere Männer - wenden destruktive Strategien seltener an und sprechen eher mit ihrer Partnerin darüber, was los ist.»

Partnerschaftsbezogene Deutungsmuster und Bindung

Der Einfluss des Bindungsstils auf die Beziehungszufriedenheit wird über die Wahrnehmung der Kommunikation gesteuert. Sowohl in Interview- als auch Fragebogen-Studien konnte gezeigt werden, dass sicher gebundene Menschen die Interaktion mit ihrem Partner als positiver beschreiben, weniger Zurückweisung, weniger Beziehungskonflikte, weniger verbale und körperliche Aggression, mehr konstruktive Konfliktbewältigung und mehr `babytalk` zeigten. Ängstlich gebundene Menschen neigen – konfrontiert mit destruktivem Verhalten des Partners dazu – dieses Verhalten zu ignorieren oder an eine Beendigung der Beziehung zu denken. Sicher gebundene Menschen – insbesondere Männer – wenden destruktive Strategien seltener an und sprechen eher mit ihrer Partnerin darüber, was los ist. Weibliche Missbrauchsopfer haben meistens unsichere (88 % ängstlich oder ambivalent) – mit einem negativen Selbstbild einhergehende Bindungsmuster. [3]

Einige Studien führten auch die Daten aus Beobachtungen zur Paar-Interaktion mit Bindungsdaten zusammen. Daraus lässt sich unter anderem entnehmen, dass sicher gebundene Frauen in angstauslösenden Situationen mit zunehmender Angst mehr Unterstützung suchten, während das hilfesuchende Verhalten bei vermeidenden Frauen abnahm. Sicher gebundene Männer baten ihre Unterstützung an, sofern die Frauen offen ihre Angst zeigten. Vermeidend gebundene Männer zogen sich zurück, unabhängig vom hilfesuchenden Verhalten der Frau. Für eine vermeidend gebundene Frau ist in einer Angstsituation somit nicht zu erwarten, dass sie Hilfe ersucht. Befindet sie sich hinzukommend in einer Partnerschaft mit einem vermeidend gebundenen Mann, so ist auch dann eher keine Unterstützung zu erwarten, sollte sie Ihre Hilfsbedürftigkeit dennoch zum Ausdruck bringen – eine denkbar ungünstige Kombination für Krisensituationen!

Ängstliche Ehemänner – also jene mit ausgeprägter Verlassenheitsangst – sind weniger akkurat in der Entschlüsselung der nonverbalen Botschaften ihrer Frauen und das unabhängig davon, ob die Botschaft positiv oder negativ ist.

In einer Studie, welche eine Interviewmethode die den Bindungsstil als Kind zu den Eltern rückwirkend ermittelt und zugrunde legt, wurden sowohl für `sicher-sicher` gebundene Paare als auch für `sicher-unsicher` (sicher = Männer; unsicher = Frauen) gebundene Paare verringertes Konfliktverhalten als auch negative Emotionen beobachtet. [4]

«Am seltensten sexuell aktiv im Vergleich zu allen anderen Gruppen, sind vermeidende Frauen und ambivalente Männer, was auch für die Anzahl der außerehelichen Sexualpartner zutrifft.»

Sexualität und Bindung

Vermeidende Menschen haben eine positivere Einstellung zur Sexualität ausserhalb einer Liebesbeziehung (u.a. One-Night-Stands). Dieser Umstand ist auch leicht nachvollziehbar und ergibt sich wohl aus der „Natur der Intimitätsvermeidung“ und des nicht oder vermindert wahrgenommenen Bedürfnisses nach Intimität. Am seltensten sexuell aktiv im Vergleich zu allen anderen Gruppen, sind vermeidende Frauen und ambivalente Männer, was auch für die Anzahl der außerehelichen Sexualpartner zutrifft. Selbstverständlich sind diese Beobachtungen in keiner Weise als moralisch wertende Beurteilung über Phasen der sexuellen Exploration, sexuelle Vorlieben und Bedürfnisse zu verstehen.

 

Interaktion von Bindung, Geschlecht und Beziehungsqualität

Sowohl Interview- als auch Fragebogen-Studien konnten zeigen, dass der Einfluss der Bindungsneigung von Männern in einem engeren Zusammenhang als bei Frauen mit der Bindungs- und Interaktionsqualität steht. Man könnte auch sagen, dass der Bindungsstil der Frauen eine im Vergleich `untergeordnete` Rolle spielt – vielleicht – weil sie eine etwaig schwierige Bindungscharakteristik besser durch ausgeprägtere emotionale und kommunikative Fähigkeiten in der Beziehung ausgleichen können?

Auch besteht bei Männern in Bezug auf „Lieben“, „Zurückweisen“ und „Ärger“ ein engerer Zusammenhang zwischen Gefühlen welche auf die Mutter, den Vater oder die Partnerin bezogen sind. Bei Frauen wurden diese Zusammenhänge so nicht beobachtet – auch die Beziehung zur eigenen Mutter steht nicht im Zusammenhang mit der wahrgenommenen Qualität der eigenen Liebesbeziehung. Eine Ausnahme stellt jedoch beispielsweise „Ärger über den Vater“ dar.

«Wie schon erwähnt wurde, können Vertreter bestimmter unsicherer Bindungen (…) sehr stabile und möglicherweise sexuell lebendigere Beziehungen führen.»

Wichtig ist auch, dass für Männer in Bezug auf ihre Partnerin vor allem die Beziehungsangst bedeutsam ist und von Frauen in Bezug auf ihren Partner das Zulassen von Nähe. Die grössten `Risikogruppen` in Bezug auf die Bindungscharakteristik sind vermeidende Frauen und ambivalente Männer – wobei letztere, die am wenigsten stabilen Partnerschaften führen.

 

Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse 

Die von der Bindungstheorie als `Ideal` proklamierte Bindungshaltung einer sicheren Bindung, steht tatsächlich im Zusammenhang mit einer eher freundlichen und konstruktiven Kommunikation, wobei dies nicht notwendigerweise mit der Selbstwahrnehmung einer erhöhten Beziehungsqualität oder -stabilität einhergehen muss. Wie schon erwähnt wurde, können Vertreter bestimmter unsicherer Bindungen (Vermeidende Männer und ängstlich-ambivalente Frauen)[2] sehr stabile und möglicherweise sexuell lebendigere Beziehungen führen. Grundsätzlich ist die Beziehungsqualität enger mit der Bindungshaltung des Mannes als mit der Bindungsqualität der Frau verknüpft. Dieser Umstand drückte sich auch im Rahmen einer Arbeit zur Partnerschaftsforschung (nicht Bindungsforschung) aus, wobei als der wichtigste Faktor zur Vorhersage einer Scheidung der beziehungsspezifische „state of mind“ des Mannes identifiziert wurde.[6] Das soll wohl nicht „alle Schuld den Männern“ heissen! Vorsichtig interpretiert könnte man aber zu dem Schluss kommen, dass die eine oder andere Beziehung zu retten wäre, wenn die dafür notwendige (männliche) Bereitschaft als Voraussetzung gegeben wäre?

«Da Bewusstsein wohl das zentrale Element der Ausrichtung bewusster Menschen darstellt, ist das Thema der Bindung vielleicht eine willkommene Gelegenheit, sich diesem Teil des persönlichen und zwischenmenschlichen Ausdruckes mit bewusstem und liebevollem Augenmerk zu widmen.»

Wie auch schon erwähnt wurde, ist Bindung nicht `global und stabil` sondern `lokal und variabel`, was bedeutet, dass a) das sich präsentierende Bindungsmuster über verschiedene Beziehungen hinweg variieren kann und b) auch über die Zeit veränderbar ist. Längere Beziehungen tendieren dazu `sicherer` zu werden – was ein klares Zeichen für den Wert und die Bedeutung von langfristigen Beziehungen sowie der damit verbundenen Arbeit darstellt. Diese Erkenntnis drückt sich auch in den Resultaten zweier prospektiver Studien aus – die als solche in ihrer Qualität und Aussagekraft als eher höherwertig einzustufen sind. Hier konnte deutlich aufgezeigt werden, dass die Entstehung einer Bindungscharakteristik mehr durch die Beziehungszufriedenheit oder das Entstehen einer neuen stabilen Bindung beeinflusst wurde, als das umgekehrt der Fall war.[6, 7] Ganz im Sinne auch des Eingangszitates, sind Bindungsbeziehungen somit keine Einbahnstrasse! So wie die Biologie durch die Epigenetik und damit unserem eigenen Willen sowie der uns umgebende Mitwelt gesteuert wird, sind wir auch in unseren Beziehungen die `Schöpfer und Webermeister` unserer Schicksalsfäden.

Orientiert an Bowlby kann man davon ausgehen, dass vielen Menschen ihre Bindungsneigung nur eingeschränkt bewusst ist. In Fragebögen neigen mehr Menschen dazu, sich selber als `sicher` einzustufen als in aufwendigen Interviewverfahren – eine Beobachtung die sicher auch zu Teilen auf den bekannten Effekt der „Tendenz zur sozialen Erwünschtheit“ zurückzuführen ist. Nichtsdestotrotz liefern auch diese Verfahren wertvolle Hinweise über die wahrgenommene Beziehungsqualität.

Da Bewusstsein wohl das zentrale Element der Ausrichtung bewusster Menschen darstellt, ist das Thema der Bindung vielleicht eine willkommene Gelegenheit, sich diesem Teil des persönlichen und zwischenmenschlichen Ausdruckes mit bewusstem und liebevollem Augenmerk zu widmen. Nicht nur die Bindung zu einem Liebespartner, sondern auch jene zu Freunden, Verwandten oder anderen nahestehenden Menschen können eine Bindungsbeziehung darstellen. Ich nehme an, es ist nicht vermessen soweit zu gehen, dass sich in der Bindungshaltung auch die grundsätzliche Verbindung zu sich selbst als auch `der Welt` als solches auszudrücken vermag. Ich bin überzeugt, dass wir uns selber und die Menschen, mit denen wir uns umgeben so besser verstehen und uns in sie einfühlen können. In den beiden ersten Teilen der Bindungs-Serie könnt ihr die Grundlagen zur Bindungsforschung und der Mutter-Vater-Kind-Bindung sowie zur Bindung im Erwachsenenalter nachlesen.

Autor: Der Löwe, Co-Founder von Impffrei:Love

Referenzen

[1] Von Sydow, K., & Ullmeyer, M. (2000). Paarbeziehung und Bindung. Eine Meta-Inhaltsanalyse von 63 Studien, publiziert zwischen 1987 und 1997. Psychotherapie, Psychosomatik und medizinische Psychologie, 50, 1-15. https://doi.org/10.1055/s-2001-12384

[2] Kirkpatrick, L. A., & Davis, K. E. (1994). Attachment style, gender, and relationship stability: a longitudinal analysis. Journal of personality and social psychology, 66(3), 502. https://doi.org/10.1037/0022-3514.66.3.502

[3] Henderson, A. J., Bartholomew, K., & Dutton, D. G. (1997). He loves me; he loves me not: Attachment and separation resolution of abused women. Journal of family violence, 12(2), 169-191. https://doi.org/10.1023/A:1022836711637

[4] Cohn, D. A., Silver, D. H., Cowan, C. P., Cowan, P. A., & Pearson, J. (1992). Working models of childhood attachment and couple relationships. Journal of Family Issues, 13(4), 432-449. https://doi.org/10.1177%2F019251392013004003

[5] Buehlman, K. T., Gottman, J. M., & Katz, L. F. (1992). How a couple views their past predicts their future: Predicting divorce from an oral history interview. Journal of Family Psychology, 5(3-4), 295. https://doi.org/10.1037/0893-3200.5.3-4.295

[6] Hammond, J. R., & Fletcher, G. J. (1991). Attachment styles and relationship satisfaction in the development of close relationships. New Zealand Journal of Psychology, 20, 56-56.

[7] Feeney, J. A., & Noller, P. (1992). Attachment style and romantic love: Relationship dissolution. Australian Journal of Psychology, 44(2), 69-74. https://doi.org/10.1080/00049539208260145