Was haben Papa und Mama mit deinem Ausdruck von (Ver)Bindung mit anderen Menschen zu tun?

Ein Artikel aus dem Bereich Impffrei:Science – wissenschaftliche Betrachtungen

«Im Kern was wir heute haben – der Zustand der Welt – hat etwas mit fehlender Bindung zu tun. Oder man könnte sagen, es sind Bindungstraumata, die frühkindlich gesetzt werden» (Raik Garve). Verbindung ist das übergeordnete Hauptanliegen von Impffrei:Love schlechthin. In der nachfolgenden Blog-Reihe wird das Thema «Verbindung» aus der Perspektive der Bindungsforschung betrachtet und aufgearbeitet.

Schon Dichter und Schriftsteller beschrieben, wie die Wahrnehmung von Liebespartnern und das Verhalten von Menschen in engen Beziehungen durch frühe Beziehungserfahrungen geprägt sind. Die frühesten und bedeutsamsten Bindungserfahrungen, die ein Mensch macht, sind natürlich mit der Mutter – beginnend im Mutterleib und (hoffentlich!) auch mit dem Vater. Die Bindung mit der Mutter in den ersten Monaten des Heranwachsens im Mutterleib ist durch die vollständige Abhängigkeit eine zwangsläufige essenzielle Voraussetzung für die Entwicklung des Kindes im Mutterleib. Nach der Geburt ist über das Stillen hinaus körperliche Nähe und liebevolle Aufmerksamkeit und Zuwendung durch die Mutter und den Vater überlebensnotwendig. Ein neugeborenes Kind, welches isoliert wird und dessen ausschliesslich körperlichen Bedürfnisse (Nahrung und Wasser) erfüllt werden, ist nicht überlebensfähig! Neben den Eltern spielen natürlich auch Geschwister, der erweiterte Familienkreis sowie das soziale Umfeld der Eltern eine mit zunehmendem Alter bedeutsamere Rolle.

"Ein neugeborenes Kind, welches isoliert wird und dessen ausschliesslich körperlichen Bedürfnisse (Nahrung und Wasser) erfüllt werden, ist nicht überlebensfähig!"

Bowlby [1] hat im Rahmen der von ihm entwickelten Bindungstheorie Freuds Einsichten modifiziert und insbesondere herausgearbeitet, dass reale Beziehungserfahrungen und -traumata in der Kindheit die inneren Schemata, Erwartungen (internale Modelle) sowie das Verhalten in allen nachfolgenden engen Beziehungen prägen. Bowlby beschrieb die Neigung, starke emotionale Bindungen zu bestimmten Personen einzugehen, als einen grundlegenden Bestandteil der menschlichen Natur – was vermutlich jeder Mensch intuitiv bestätigen wird. Die Bindungstheorie beschreibt und beobachtet im Wesentlichen die Aspekte Bindung, Trennung und Verlust sowie das daraus resultierende Bindungsverhalten der Säuglinge und Kleinkinder. Das Bindungsverhalten resultiert aus der Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Bindungspersonen – also primär Vater und Mutter – und wurde von Bowlby erstmalig in drei «Bindungsstilen» beschrieben, die er als «sicher», «vermeidend» und «ängstlich/ambivalent» bezeichnete. Ein vierter Bindungsstil der als «desorganisiert» (oder traumatisiert) beschrieben wird, wurde 1990 von Main und Solomon ergänzt [2]. Die Einteilung der Bindungsstile basiert auf der Qualität des Verhaltens, welches ein Säugling zeigt, um physische Trennung von seinen Eltern zu vermeiden (wie schreien, festklammern etc.) bzw. nach der Wiedervereinigung ( durch bspw. freudige Begrüssung, Umarmung), wenn der Vater oder die Mutter nach zuvoriger Trennung wieder zurückkehren.

"Bowlby beschrieb die Neigung, starke emotionale Bindungen zu bestimmten Personen einzugehen, als einen grundlegenden Bestandteil der menschlichen Natur – was vermutlich jeder Mensch intuitiv bestätigen wird."

Bowlby entwickelte die Bindungstheorie insbesondere (aber nicht ausschliesslich) im Hinblick auf die Mutter-Kind-Beziehung, basierend auf der Vorstellung, dass die Kontinuität des Bindungsstils zum Teil auf mentale Modelle (Bowlbys “innere Arbeitsmodelle”) des Selbst und des sozialen Lebens zurückzuführen ist.

Mary Ainsworth entwickelte 1978 [3] den s.g. Strange-Situation-Test (Fremde-Situation-Test [FST]) – ein bindungsdiagnostisches Instrument, welches die unmittelbare und direkte Beobachtung der Eltern-Kind-Beziehung zulässt und als klassisches Instrument der Entwicklungspsychologie noch heute Anwendung findet. Der FST wird typischerweise im Alter von 12-18 Monaten angewendet, kann aber mit einigen Anpassungen auch darüber hinaus verwendet werden. Die Durchführung des Tests folgt einem klaren Ablauf. Unter Anwesenheit der Bindungsperson macht sich das Kind mit dem Raum vertraut und erkundet diesen selbständig, was auch als  Exploration bezeichnet wird. Es folgen kurze Perioden, in denen eine zusätzliche fremde Person den Raum betritt und mit der Bezugsperson als auch dem Kind interagieren. Sowohl die Bezugsperson als auch die fremde Person verlassen abwechselnd den Raum und kehren wieder zurück. Entscheidend ist das Verhalten des Kindes beim Verlassen und nach der Wiedervereinigung mit der Bezugsperson sowie die Interaktion mit der fremden Person. Es gibt viele eindrückliche Videos zum FST und es ist lohnenswert, sich das einmal anzusehen oder auch im Alltag oder bei den eigenen Kindern zu beobachten. 

Nachfolgend werden die Eigenheiten der unterschiedlichen Bindungsstile beschrieben, wobei es an dieser Stelle angemessen erscheint darauf hinzuweisen, dass Bindungsstile als auch andere psychologische Konstrukte weniger als absolute Kategorien sondern eher eher dimensionale Ausprägungen zu verstehen sind, welche starke oder weniger starke Tendenzen beschreiben.

"Entscheidend ist das Verhalten des Kindes beim Verlassen und nach der Wiedervereinigung mit der Bezugsperson sowie die Interaktion mit der fremden Person."

Sicher gebundene Kinder

Sie fangen sofort mit der Erkundung des fremden Raumes an und benutzen ihre Mutter/Vater als «sicheren Hafen» . Wenn die Mutter oder der Vater den Raum verlässt, reagieren diese Kinder gestresst und lassen sich von der fremden Person nicht vollständig trösten. Bei der Rückkehr rennen sie dem Elternteil freudig entgegen. Sie lassen sich schnell wieder beruhigen und wenden sich danach wieder dem Spiel zu.

Unsicher-Vermeidend gebundene Kinder

Diese Kinder wenden sich kurz nach dem Betreten des Raumes der Exploration zu. Bei der Abwesenheit der Mutter oder des Vaters wirken sie wenig gestresst. Sie akzeptieren die fremde Person als «alternative» Bezugsperson. Die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder suchen nach der Wiederkehr der Mutter oder des Vaters wenig oder keine Nähe und neigen dazu, die Eltern zu ignorieren. Oder sie bleiben bei der Begrüßung auf der halben Strecke plötzlich stehen oder rennen sogar an der Bezugsperson vorbei. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Kinder sich anschmiegen, wenn sie auf den Arm genommen werden, oder sich dagegen wehren, wenn sie wieder abgesetzt werden. Möglicherweise winden sie sich, um heruntergelassen zu werden. Diese Kinder begrüßen die Mutter bzw. den Vater entweder gar nicht oder nur mit einem zaghaften Lächeln, einem kurzem Blick oder sie wenden den Kopf ab.

Ängstlich-Ambivalent gebundene Kinder

Geprägt durch die Unzuverlässigkeit der Bindungsperson, gehen diese Kinder misstrauisch in die fremde Situation rein und zeigen dies auch gegenüber der fremden Person. Sie versuchen die Nähe der Mutter/des Vaters zu halten und sehen in dem Weggehen des Elternteils deren Unzuverlässigkeit bestätigt. In den Trennungsphasen sind sie äußerst bekümmert. Sie schlagen in ihrer Verzweiflung auch wütend gegen die Türe. Alleine mit der fremden Person, reagieren sie entweder wütend oder sind passiv. Bei der Rückkehr von Mutter bzw. Vater verhalten sich diese Kinder ambivalent: Einerseits wollen sie Nähe schaffen und anderseits sind sie wütend und aggressiv. Daher ist es schwierig sie zu trösten, sie weinen weiter, auch wenn sie hochgenommen werden oder sie wollen währenddessen wieder herunter.

"Die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder suchen nach der Wiederkehr der Mutter oder des Vaters wenig oder keine Nähe und neigen dazu, die Eltern zu ignorieren."

Es scheint naheliegend, dass die in der frühen Kindheit erworbenen Bindungserfahrungen auch in der Jugend und im Erwachsenenalter – insbesondere in Paarbeziehungen – eine bedeutende Rolle spielen. Während in der Kindheit die Eltern die wichtigste Quelle des Erlebens von Sicherheit, emotionaler Nähe und Intimität sind, werden Bindungsbedürfnisse im Erwachsenenalter vorwiegend an den Partner herangetragen [5].

«Andauernde Liebesbeziehungen sind die vermutlich wichtigsten Bindungsbeziehungen im Leben eines Erwachsenen… und können sogar eine therapeutische Rolle in der Vorbeugung von Effekten, welche auf eine schwierige frühe Bindung zurückzuführen sind, einnehmen» (Kim Bartholomew, 1990).

"Das Team bei Impffrei:Love ist selbstverständlich bemüht und motiviert, sich für eine artgerechte, also kindgerechte, liebevolle und somit bindungsförderliche Lebensmitwelt unserer Kinder stark zu machen."

Im nächsten Artikel werden die einzelnen Erwachsenen-Bindungsstile als prototypische «Charaktere» näher vorgestellt, sodass deren Eigenheiten nicht nur abstrakt – sondern menschlich und erfahrungsbasiert – begreifbar werden. Darüber hinaus wird deren immense Bedeutung und Einfluss auf eine Liebesbeziehung erläutert.

Das Team bei Impffrei:Love ist selbstverständlich bemüht und motiviert, sich für eine artgerechte, also kindgerechte, liebevolle und somit bindungsförderliche Lebensmitwelt unserer Kinder stark zu machen. An dieser Stelle möchten wir euch für eine tiefergehende Beschäftigung auch die Beiträge und Bücher von Eva Herman (“Das Eva-Prinzip”)  ans Herz legen, die sich dem Thema der Mutter-Kind-Bindung mit aller Konsequenz schon vor vielen Jahren hingebungsvoll gewidmet hat. Bewusste Menschen sind sich dieser Umstände bewusst und teilen dieses Bemühen, was sich in der kontinuierlichen Weiterentwicklung und Transformation der eigenen Liebes- und Beziehungsfähigkeit und somit auch Elternschaft niederschlägt. Zur Wichtigkeit von Körperkontakt und insbesondere «Händchenhalten» sei auch auf unseren ersten Blogartikel «Händchenhalten: kleine Geste – grosse Wirkung» verwiesen.

Autor: Der Löwe, Co-Founder von Impffrei:Love

 

Referenzen

[1] Bowlby J. (1969). Attachment and loss: Vol. 1. Attachment. New York: Basic

[2] Main, M., & Solomon, J. (1990). Procedures for identifying infants as disorganized/disoriented during the Ainsworth Strange Situation. Attachment in the preschool years: Theory, research, and intervention, 1, 121-160.

[3] Ainsworth, Mary D. Salter, Blehar, Mary C, Waters, Everett & Wall, Sally. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Oxford, England: Lawrence Erlbaum, England. https://doi.org/10.4324/9780203758045

[4] Shaver P.R, Hazan C. (1987). Being lonely, falling in love: Perspectives from attachment theory. Journal of Social Behavior and Personality; 2(2): 105-124

[5] Neumann, E., Rohmann, E., & Bierhoff, H. W. (2007). Entwicklung und Validierung von Skalen zur Erfassung von Vermeidung und Angst in Partnerschaften. Diagnostica53(1), 33-47. https://doi.org/10.1026/0012-1924.53.1.33



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